In diesen Zeiten des Covid 19 weiß man in Madrid oft nicht, wo man hindarf und wo nicht. Obendrein ändert sich das täglich. An Allerheiligensuchten suchten wir zu unserem körperlichen Bewegungsausgleich einen Ort, der sich möglichst in der Nähe befindet. Dadurch vermeidet man, öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu müssen. Und so kam uns der Park Dehesa de la Villa in den Sinn, wo wir schon seit Jahren nicht mehr waren. Er liegt mit 2,5 km zu Fuß in erreichbarer Nähe. Da kann man ja immer hin, wenn man will. In „normalen“ Zeiten erscheinen einem weiter entfernte Ziele viel spannender.

So zwang uns die Pandemie, uns doch mal wieder mit diesem Park zu beschäftigen. Da wir keine Lust hatten, von der Polizei angehalten zu werden, schauten wir erst einmal ins Internet, ob die Dehesa de la Villa nicht zu einem der gesperrten Gebiete gehört. Dabei stieß ich auf mehrere Artikel über den Park und wurde mir zum ersten Mal gewahr, dass dies wohl einer der ältesten Parks Madrids ist. Und seine Geschichte erklärt, warum er einem im Vergleich zu den eleganten Parks wie El Retiro eher wild und naturbelassener erscheint.

Was ist denn eine „Dehesa“?

Das Wort „Dehesa“ stammt aus dem lateinischen defensa. Das ist ein begrenztes oder verteidigtes Landstück, d. h., es ist eingezäunt oder mit einer Mauer umgeben, um dieses Gebiet von Weiden und anderen Nutzungen abzugrenzen.

Für diesen Begriff gibt es in Spanien regional abweichende Definitionen. In den Dörfern des uns umgebenden Kastiliens bedeutet Dehesa normalerweise ein Gemeindeland, das den kommunalen Weiden gewidmet ist, auf denen man gemeinsam das Vieh weiden lässt. Es ist fast immer ein mit Bäumen bewachsenes Land, auf dem die Natur gut erhalten ist. Diesem Begriff kommen die deutschen Worte Hutewald oder Weidewald am nächsten. Ein typischer Hutewald ist z . B. der Monte de El Pardo.

Blick von El Monte de El Pardo zur Sierra de Guadarrama
Blick von El Monte de El Pardo zur Sierra de Guadarrama

Als die Dehesa de la Villa die Speisekammer der Stadt Madrid war

Das Gebiet, auf dem sich der Park befindet, wurde 1152 von Alfons VII. von León, dem damaligen „Kaiser ganz Spaniens“ (Imperator totius Hispaniae), der Stadt Madrid geschenkt. Damit wollte er Madrid für seine Treue und Beistand im Kampf gegen die Araber danken. Erst 67 Jahre zuvor hatte sein Großvater Alfons VI. die Stadt erobert und die Araber daraus vertrieben. Das Land liegt auf einem 700 m hohen Hügel 90 m über der damaligen Stadt. Man brauchte zu jener Zeit wohl 1 ½ Stunden zu Fuß bis dorthin. Heute gehört der Park zum Zentrum.

Die Region maß 2529 Scheffel (etwa 1000 Hektar oder 10 km²) und war wie alles um die Stadt bis hin in die Berge mit Steineichen bewachsen. Während des 13. und 14. Jh. diente die Dehesa Königen wie Alfons X. und Alfons XI. als Jagdgebiet für Großwild und insbesondere Wildschweine. Ab dem 14. Jh. war dieses Waldgebiet als die „Höhen von Amaniel“ bekannt. Lope de Amaniel war seines Zeichens Armbrustschütze des Königs Heinrich II. von Kastilien und Hauptwächter dieses Eichenwaldes.

Ab 1485 wird die Dehesa de Amaniel ausschließlich als Weide genutzt. Das Vieh war für die Fleischversorgung von Madrid bestimmt. In dieser Zeit wurde den Bewohnern der Stadt und ihrer Umgebung zum ersten Mal der Zugang zur Dehesa verboten. Durch die Nutzung als Viehweide verschwanden die Steineichen weitgehend.

In den Tagen von Karl I. (1516 – 1552, Karl V. für uns Deutsche) diente mehr als die Hälfte der Oberfläche der Dehesa de Amaniel dem landwirtschaftlichen Anbau. Ab 1530 wurden 1570 Scheffel gepflügt und kultiviert.

Weg mit Sportgeräten und Picknick-Platz in der Dehesa de la Villa
Weg mit Sportgeräten und Picknick-Platz in der Dehesa de la Villa

Die Dehesa de la Villa dient zur Finanzierung der Immobilienspekulation

Dies ist ein schönes Beispiel dafür, dass die Immobilienspekulation keine Erfindung unserer Tage ist, sondern schon Ende des 16., Anfang des 17. Jh. existierte. Der Herzog von Lerma kaufte eine große Anzahl von Häusern, Palästen und Grundstücken in Valladolid zu sehr günstigen Preisen. Dann überredete er 1601 Philipp III. den Hof dorthin zu verlegen. Dadurch zogen eine große Anzahl von Beamten, Adligen, Künstlern und anderen mit dem Hof verbundenen Personen nach Valladolid. Die Preise stiegen und der Herzog verkaufte seine Immobilien. Er erzielte dabei enorme Gewinne. Umgekehrt sanken in Madrid die Immobilienpreise. Nun begann der Herzog von Lerma, Häuser in der Villa Madrid zu kaufen und überredete Philipp III. den Hof wieder zurück nach Madrid zu verlegen. Jetzt stiegen hier die Preise wieder an und der Herzog steckte erneut den Mehrpreis beim Verkauf der Häuser und Paläste in Madrid ein. Die Umzugskosten der Verlegung des Hofes nach Madrid 1606 wurden durch die Verpachtung eines ansehnlichen Teils der Dehesa de la Villa finanziert.

Ein Großteil der Dehesa fällt dem Prunk der Könige zum Opfer

Auch die nachfolgenden Könige schnitten sich ihr Scheibchen von der Dehesa ab:

  • Ferdinand VI. verkaufte 327 Scheffel, um den heutigen Königspalast zu finanzieren. Nun blieben nur noch 698 Scheffel Fläche über.
  • Karl III. wollte bequemer von den Palästen im Buen Retiro zum Zarzuela-Palast in El Pardo reisen können und ließ den Carabineros-Weg, die heutige Francos-Rodríguez-Straße, ausbauen.
  • Und Karl IV. verleibte gleich 418 Scheffel dem Real Sitio de Florida ein. Dieser Palast existiert heute nicht mehr. Er stand in etwa dort, wo sich nun der Parque del Oeste und der Stadtteil Argüelles bis hin zum Templo de Depod befinden.

Ab dem 19. Jh. erfuhr die Dehesa de la Villa eine bewegte Geschichte

Am 11. Mai 1860 marschierte die afrikanische Armee in Madrid ein und lagerte zwei Tage in der Dehesa.

Ein Jahr später spielt sich eine weitere Episode ab, die auch in unseren Tagen hätte geschehen können: Ein Grundstück wurde an die öffentliche Wohlfahrt verkauft. Es sollte eine als Vorbild dienende Irrenanstalt gebaut werden. Nichts desgleichen geschah.

1901 überschrieb der Staat dem Stadtrat von Madrid den Nießbrauch der Dehesa de la Villa zur Erholung der Einwohner. Die Stadtväter hatten aber anderes mit dem Park vor:

Von 1918 bis 1931 feierten die Madrider hier am 1. Mai den Tag der Arbeit. Danach wurde das Fest in die Casa de Campo verlegt.

1929 zweigte man 320 Hektar der alten Dehesa ab, um die Universitätsstadt der Universidad Complutense zu bauen, an der heute über 70 000 Studenten studieren.
Während des Bürgerkriegs verlief durch die Dehesa de la Villa die Verteidigungslinie der Stadt. Es fanden hier schwere Kämpfe statt.

Blick von der Dehesa de la Villa auf Universität und Moncloa
Blick von der Dehesa de la Villa auf Universität und Moncloa

Nach dem Krieg wurden auf ihrem Gebiet das Gymnasium Virgen de la Paloma, das Zentrum für Energie-, Umwelt- und Technologieforschung (CIEMAT), das Hauptquartier der bewaffneten Polizei und das medizinische Institut Fabiola de Mora y Aragón errichtet.

Von den ursprünglichen 1000 ha sind der Dehesa de la Villa noch 64 ha übriggeblieben. Mittlerweile liegt der Park mitten in der Stadt.

Die Spuren der alten Wasserversorgung Madrids in der Dehesa de la Villa

Die älteste Leitung wurde im 17. Jh. zwischen 1614 und 1616 gebaut. Man nannte sie „Amaniel-Wasserleitung“ (viaje de agua Amaniel). Über diese unterirdische Leitung wurde der Alcázar (der alte Königspalast, der vor dem jetzigen hier stand) mit Wasser aus dem Norden Madrids versorgt. Gegenwärtig kannst du noch einige Steinkappen seiner Belüftungsschächte in Form von gekappten Pyramiden sehen und den Verlauf der Leitung durch die Dehesa de la Villa verfolgen.

Im 19. Jh. bewässerte man Obstgärten, Bürgergärten und andere Industriezweige am Stadtrand von Madrid mit dem überschüssigen Wasser aus dem Nordwest-Graben des Canal de Isabel II. Dieser Kanal hieß im Volksmund El Canalillo. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden einige Reste der Leitung als Fußweg für Fußgänger und Radfahrer umfunktioniert.

Die ehemalige Straße durch die Dehesa de la Villa wurde zum Fahrradweg
Die ehemalige Straße durch die Dehesa de la Villa wurde zum Fahrradweg

Die Flora der Dehesa de la Villa

Im Laufe seiner Geschichte ist der ursprüngliche Steineichenbestand der Dehesa de la Villa stark geschrumpft. In der Zeit von Isabel II. begann die Wiederaufforstung mit Kiefern, die derzeit der häufigste Baum im Park sind. Dadurch besteht der Park zu einem großen Teil aus Kiefernwald.

Pinienwald in der Dehesa de la Villa
Pinienwald in der Dehesa de la Villa

In den 40er bis 60er Jahren war die Dehesa mehr oder weniger ein Wald am Stadtrand, wo man gerne ein Picknick machte.

Erst Anfang der 70er erfuhr der Park an einigen Stellen so etwas wie eine Landschaftsgestaltung. Dieses Gesicht von naturbelassenen Zonen bis hin zu Landschaften mit unterschiedlichen Kriterien ist bis in unsere Tage erhalten geblieben.

Abgesehen von der erwähnten Steineiche ist ein weiterer Baum des Mittelmeerwaldes erhalten geblieben: die Korkeiche. Es gibt Mandelbäume, meist Bittermandeln, und Akazien, die insbesondere in der Nähe der Francos-Rodríguez-Straße verbreitet sind.

Von den ca. 8 Bächen, die es hier gab, sieht man heute nichts mehr. Nur Straßennamen erinnern noch daran. Es gibt aber gewisse feuchte Gebiete, die man an den Pappeln, Weiden, Eschen und Ulmen erkennt. In den landschaftlich gestalteten Gebieten gibt es mehrere Zypressen sowie Mimosen, Eukalyptus, Zedern, Lorbeer und Pissard-Pflaumenbäume. An den Straßenrändern ist Ailanthus häufig.

Der Park Dehesa de la Villa im Herbstkleid
Der Park Dehesa de la Villa im Herbstkleid

Im strauchigen Substrat sind unter anderem die Steinrose, Ginster, Rosmarin und Brombeere zu finden.

Die Fauna in der Dehesa de la Villa

Obwohl der Park mitten in der Stadt des Distrikts Moncloa-Aravaca liegt, gibt es dennoch eine große Vielfalt an Vogelarten. Man sagt, es sind mehr als 70. Das macht die Dehesa de la Villa zu einem Juwel unter den Parks in Madrid.

Bei unserem zweistündigen Spaziergang fielen uns aber nur allgemein bekannte Vögel wie Haussperling, Fink, Elster, Kohlmeise, wilde Taube, Ringtaube, schwarzer Star, Blaumeise und Amsel auf.

Wenn du mehr über den Park erfahren möchtest, kannst du dir ein umfangreiches PDF auf Spanisch runterladen, in dem du viele Einzelheiten findest.

Was habe ich gelernt?

Die Dehesa muss man erleben!

Abschließend möchte ich hinzufügen, dass ich mich freue, dass ich durch die Pandemie viele Dinge neu betrachte, die ich gleichgültig als selbstverständlich hinnahm. Der Spaziergang durch den Park war sehr erholsam. Der Blick auf seine Geschichte hat mir die Augen für seine Flora, Fauna, Gestaltung und gesellschaftliche Bedeutung geöffnet. Ich habe verstehen gelernt, warum die Dinge, die ich dort sehe, so sind, wie sie sind. Für die Einwohner des Stadtteils ist er auf jeden Fall von unschätzbarem Wert, gerade in Zeiten wie jetzt.