La Tabacalera - Die Tabakfabrik in Lavapiés

Eigentlich ist es mir unbegreiflich, dass mir die Tabacalera (Tabakfabrik) in der Calle Embajadores 53 im Stadtteil Lavapiés nicht früher ins Bewusstsein gedrungen ist, denn genau gegenüber ging meine jüngste Tochter einige Jahre zur Schule.

Darauf gekommen bin ich erst, weil mir Straßengemälde in einem ganz anderen, weit entfernten Stadtteil, nämlich Tetuán, aufgefallen waren, als ich nach einer Markthalle suchte, wo ich mir noch reich bestückte Gemüsestände erhoffte.

Als ich den Gemälden nachging, stieß ich auf mehrere Webseiten über Street Art in Madrid, und dann konkret auf die Seite der Tabacalera, wo sich nämlich viele dieser Künstler regelmäßig treffen, sich beraten, unterstützen und organisieren. Dies soll aber ein eigener Post werden.

Ich fand die Sache so spannend, dass ich gleich eine E-Mail an eine Adresse losließ, die ich auf der Site fand. Und siehe da, noch am selben Tag antwortete mir Luis, ein Mitglied der Kommission für Kommunikation. Wir haben gleich ein Meeting für den 17. Januar ausgemacht, wo er mir alles zeigen und mir jemanden vorstellen wollte, der mir mehr erzählen könne.

Als ich dort hinkam, erinnerte mich alles etwas an meine „wilden Jahre“ in Frankfurt, wo es noch modern war, Häuser zu besetzen, ja fast eine Anarcho-Szene. Das riesige Gebäude, nicht gerade im ansehnlichsten Zustand, schlecht beleuchtet, wohl auch nicht beheizt (jedenfalls fror ich dort ziemlich), die Tür stand offen. Drin sah ich dann aber auch Leute meines Alters oder sogar älter und normal gekleidet, die miteinander sprachen. Das beruhigte mich dann doch.

Man frug mich, was ich denn so suchte. Ich sagte, dass ich auf Luis wartete. Ah ja, ok, der kommt bestimmt bald. So war es denn auch. Leider stellte sich heraus, dass die Person, die er mir vorstellen wollte, krank war. So führte er mich durch ein riesiges Labyrinth alter Fabrikräume des 30.000 m2 großen Gebäudes mit den unterschiedlichsten Malereien zu einem gewölbten Keller, der als Treffpunkt der Straßenmaler dient.

Hier saßen vier Leute unterschiedlichen Alters in einem zwischen Farbtöpfen und Hilfsgeräten und unterhielten sich über ihre Projekte. Es stellte sich heraus, dass alle super nett und offen waren und mir so gut, wie sie konnten, freimütig erzählten, was sie über die Tabacelera und die Organisation wussten. Das war aber nicht viel. Der so unterschiedliche Kenntnisstand, die Offenheit und auch die auffallende Unbekümmertheit verstand ich erst, nachdem ich noch einmal auf der Website der Tabacalera nachlas.

La Tabacalera - El Keller

Da laut Statistik nur 6 % der deutschsprachigen Leser Spanisch beherrschen, fasse ich dir hier die Information zusammen. Ich glaube, ich habe hier ein Projekt entdeckt, wie man es vielleicht in Berlin erwartet, und was im starken Kontrast zu den derzeitigen politischen und sozialen Ereignissen und Entwicklungen in Europa steht, und einem wie eine der letzten (oder wieder ersten?) Inseln partizipativer Demokratie anmutet. Ich hoffe, du bist genauso begeistert, wie ich. Es ist absolut einen Besuch wert, wenn du nach Madrid kommst.

Heute ist die Tabacalera ein selbstverwaltetes Sozialzentrum: ein Raum, wo Theater, Musik, Tanz, Malerei, Konferenzen, Tagungen, audiovisuelle Medien, Workshops, Veranstaltungen, Interventionen im Stadtteil organisiert und durchgeführt werden.

Zur Geschichte des selbstverwalteten Sozialzentrums La Tabacalera

Wie auf der schon erwähnten Website der Tabacalera  zu lesen ist, ist das Gebäude der ehemaligen Tabakfabrik in der Calle Embajadores 53, das zwischen 1780 und 1790 erbaut wurde, öffentliches Eigentum und untersteht der Dirección General de Bellas Artes, abgekürzt DGBA (Generaldirektion für bildenden Künste), des Kultusministeriums. Die Tabacalera gehört zum historischen Erbe Spaniens und wurde als von kultureller Bedeutung eingestuft.

La Tabacalera - Die Tabakfabrik in Lavapiés früher

Die eigentliche Tabakfabrik von Madrid wurde kurz nach ihrer Privatisierung im Jahr 2000 definitiv geräumt. Das Gebäude stand zehn Jahre leer, verfiel immer mehr und wurde auch in keinerlei Hinsicht renoviert oder gewartet.
In diesen zehn Jahren kämpften die Einwohner des Stadtteils mit Unterbrechungen um das Gebäude, um es allen zu öffnen, denn dieser alte Stadtteil im Zentrum Madrids verfügte kaum über öffentliche Räume.

  • Im November 2007 genehmigte der Ministerrat eine Vereinbarung, wonach ein Nationales Zentrum für Bildende Kunst (CNAV) ins Leben gerufen und in der Tabacalera untergebracht werden sollte.
  • Am 29. Juli 2008 wurden sieben Architektenteams per e-Mail eingeladen, einen Vorschlag zu unterbreiten. Im November 2009 stellt der Kultusminister César Antonio Molina das ausgewählte Projekt mit seinen Autoren vor: Nieto und Sobejano.
  • Am 26. November fechtet der Consejo Superior de Arquitectos (Architektenkammer) das Vergabeverfahren an. Am 25. Februar 2009 wird eine neue Ausschreibung veröffentlicht und am 2. Juni 2009 werden schließlich Nieto und Sobejano wieder mit der Vergabe des Projektes bedacht, diesmal unter Ángeles González-Sinde als Ministerin.
  • Das 30 Millionen Euro schwere Projekt wird wegen fehlendem Budget nicht verwirklicht und die DGBA schlägt dem Kulturverein SCCPP vor, ein kulturelles Projekt im Gebäude zu organisieren.

Dieser Verein, der an den Debatten der Bürgerinnen und Bürger über die Zukunft des Gebäudes teilgenommen hatte, weitet den Vorschlag auf andere Gruppen und Bewohner des Stadtteils Lavapiés aus und nimmt den Auftrag der DGBA an. Es wird ein Vertrag von einem Jahr unterzeichnet, in dem sich der Verein dazu verpflichtet, ein Projekt namens Centro Social Autogestionado La Tabacalera (Selbstverwaltetes Sozialzentrum Tabakfabrik) zu entwickeln. Dazu wurden 9.200 der 30.000 m2 des Gebäudes genutzt. (Den Rest benutzt das Kulturministerium selbst.)

Nach zwei Jahren, in denen die Rechtslage von diesem Vertrag und einer Verlängerung um ein weiteres Jahr abhing, ersucht die Tabacalera als nun eigenständiges Projekt die DGBA um die Vereinbarung einer Nießnutzung, um dieser Erfahrung der Bürgerbeteiligung Stabilität in diesem Gebäude und in der Zeit zu gewähren. Diese Vereinbarung trat im Januar 2012 für einen Zeitraum von zwei Jahren in Kraft, die alle zwei Jahre bis maximal acht Jahre verlängert werden kann.

Die Nießnutzung wurde der Asociación Cultural CSA La Tabacalera de Lavapiés, einem von der Vollversammlung des Sozialzentrums gegründeten Verein gewährt, dem jeder beitreten kann, und der allein zu dem Zweck gegründet wurde, einen rechtsgültigen Rahmen zu schaffen, in dem diese Verantwortung übernommen werden kann.
In der Satzung selbst wird explizit erklärt, dass der Verein sich nicht in die Entscheidungsfindung des CSA einmischt. Diese Angelegenheit liegt in den Händen der Vollversammlung und der Ausschüsse, die das Zentrum verwalten – wobei alle für jedermann offen sind, der teilnehmen möchte.

La Tabacalera - Organisation der Aktivitäten

Die Tabacalera (LTBC) ist also ein soziales Zentrum, das die direkte Beteiligung der Bürger an der Verwaltung des Staatseigentums fördert. Ein kulturelles Zentrum, das die Kultur als ein Konzept versteht, das die sozialen und kreativen Fähigkeiten der Staatsbürgerschaft umfasst.

Zu diesen Fähigkeiten gehören nicht nur die künstlerische Produktion, sondern auch das soziale Handeln, kritisches Denken und die Verbreitung von Ideen, Werken und Verfahren, die darauf abzielen, die Öffentlichkeit zu erweitern und zu demokratisieren.

Die Tabacalera ist ein integrales Zentrum, das Sprach- und Ausdrucksformen, aber auch die demografische, kulturelle und ethnische Komplexität, sowie die Datensätze und Lebensweisen in Raum und Zeit umfasst.

Seit der Gründung war es eine offene Einladung an alle Arten von Gruppen und Menschen, sich zu engagieren und an dem Projekt teilzunehmen. Infolgedessen zeigt die interne soziale Zusammensetzung der Tabacalera die Komplexität und den Reichtum eines Lebens, das die Vielfalt der Menschen anerkennt und ihr eigenes Ökosystem erschafft und auf das interkulturelle, generationsübergreifende, interethnische Zusammenleben setzt, ungeachtet des Geschlechtes oder sexuellen Neigungen – mit anderen Worte: auf die Heterogenität.

Um dieses neue Modell zu ermöglichen, ist laut der Initiative folgendes erforderlich:

  1. die volle Autonomie der Organisation und der Entwicklung der Initiative von denjenigen, die sie gestalten,
  2. die Erforschung des Managements der Öffentlichkeit in Bezug auf die partizipative Demokratie,
  3. die Förderung kostenloser kultureller Praktiken und der freien Kultur,
  4. eine Programmierungsmethodologie fern des klassischen Kulturmanagements,
  5. das Bestreben, die unterschiedlichen Maßstäbe des sozialen und kulturellen Ausdrucks auszugleichen.

Es ist der Initiative wichtig, dass die Tabacalera nicht die Ressource von ein paar gut vernetzten oder privilegierten Personen ist oder sein darf. Durch seine einzigartige Charakteristik (weder proprietär, noch besitzergreifend, öffentlich, pro gemeinschaftlich) kann die Tabacalera nicht einmal die gemeinsame Ressource einer beständigen Gruppe sein. Die Bedingung des Möglichen ist die Offenheit: gegenüber neuen Kompositionen, neuen Veranstaltungen, auf verschiedenen Ebenen der Beteiligung, des Arbeitens und der Verwendung.

In der Tabacalera werden nicht nur Initiativen gezeigt, die sich dauerhaft im Gebäude befinden, sondern all diejenigen, die einen Raum brauchen und sich an die Kriterien halten, die alles aufrecht erhalten: freie und kostenlose Kultur, Zusammenarbeit, Horizontalität, Transparenz, weder Gewinn bringende noch privative Benutzung, sondern der kollektive, solidarische und verantwortungsvolle Einsatz der Ressourcen …

Das sind genau die Eigenschaften, die die Tabacalera zu einem einzigartigen Experiment machen, sie zu einer öffentlichen Referenz werden lassen, und die an ihrer Gründung Beteiligten können sie sich daher auch nicht aneignen.

Die folgenden Bilder zeigen sir die Fahrrad-Werkstatt.

Wie organisieren sich die Leute der Tabacalera?

Die Tabacalera organisiert sich über offene Vollversammlungen, sowohl bezüglich des allgemeinen Raums als auch bei spezifischen Aktivitäts- oder Verwaltungsbereichen, Projekten oder Räumen. Jede Person oder Gruppe, die mit den gemeinsamen Funktionskriterien einverstanden ist, kann bei der Tabacalera mitmachen.

Die Versammlung des selbstverwalteten Sozialzentrums (CSA) findet alle 15 Tage statt, jeweils montags um 20:30 Uhr, in der Sala Sin Jefe (Raum ohne Chef).

Einmal im Monat (in der Regel der letzte Sonntag eines jeden Monats) veranstaltet es einen Tag der gemeinsamen Arbeit, zum Beispiel um die Toiletten zu reinigen, einen Bereich zu malen, Stromleitungen zu reparieren …usw.

Alle drei Monate veranstaltet das CSA für gewöhnlich eine Vollversammlung, in der die Aktivitäten und der Betrieb der Vorperiode ausgewertet und die Grundzüge der folgenden Aktivitäten diskutiert und entschieden werden.
Die Tagesordnung aller Versammlungen ist öffentlich und jeder kann dafür Punkte über E-Mail-Listen des Sozialzentrums oder in der Versammlung selbst vorschlagen.

Als selbstverwaltetes Sozialzentrum achtet die Tabacalera darauf, dass keine Aktivität Vorrang vor anderen hat, und dass der kollektive, öffentliche Charakter und die gesellschaftliche Transformation immer gegenwärtig sind.

Unter Transformation wird hier all das verstanden, was durch Selbstverwaltung und in Unabhängigkeit durchgeführt wird:

  • Erwünscht sind:
    – Eigenmittel
    – Förderung des sozialen und kulturellen Reichtums
    – Horizontalität und Zusammenarbeit
    – Selbstkritik und Transparenz
    – direkte Beteiligung
    – Kritik und Experimentierfreude
  • Unerwünscht sind:
    – Fremdfinanzierung und Bedingungen
    – Profit
    – Führerschaft oder Individualismus
    – Selbstgefälligkeit oder Verschleierung
    – Delegation
    – Konservatismus

Es wird danach getrachtet, die Nutzung des Raums so zu gestalten, dass alles möglich ist und Spielraum für unvorhergesehene Entwicklungen bleibt. Es wird versucht, dass alle Beteiligten bei der Definition und Entwicklung des Projekts zusammenarbeiten.

Diese Kriterien werden sowohl an die Gruppe als Ganzes und an jede Aktivität des Sozialzentrums gelegt:
In der Tabacalera lehnt man Sexismus, Rassismus, Diskriminierung, Homophobie und fehlende Solidarität völlig ab. Man hat deswegen eine Liste von Best Practices aufgestellt, deren Einhaltung in der Verantwortung jedes einzelnen liegt, der bei der Tabacalera mitmacht.

Neugierig geworden?

In einem der nächsten Artikel werde ich über eine dieser Aktivitäten und Kommissionen schreiben: Street Art in Madrid und „El Keller“.

Ich würde mich über ein Feedback von dir freuen

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