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Als ich in den siebziger Jahren nach Madrid kam und das Spanische kaum beherrschte, hörte ich des Öfteren, wie mein heutiger Schwager seine Frau mit „Gata“ (Katze) ansprach. Ich ging davon aus, dass es ein Kosename sei. Im Deutschen ist es „Mausi“, im Spanischen halt „Katzi“. :-). Dass das ein Spitzname der Madrider war, entdeckte ich erst mit der Zeit.

Nach und nach kamen mir mehr Spitznamen zu Ohren, insbesondere zu Zeiten der Volksfeste wie San Isidro Labrador am 15. Mai oder der Verbena de la Paloma am 15. August. Dann wurde in der Presse wieder das Thema der „Chulapos“ und „Chulapas“ aufgerollt. Sie kamen auch physisch in ihrer Tracht in stolzer Pose und mit Nelken in der Anzugjacke oder unter dem Kopftuch zum Vorschein.

Da in letzter Zeit in meiner Facebook-Seite unter den deutschen Lesern die Frage auftauchte, was es denn mit all den Beinamen auf sich hätte, möchte ich sie dir in diesem Post zu erklären.

Warum nennt man die Madrider „Gatos“ und „Gatas“?

Der Spitzname Gato (Kater) und Gata (Katze) ist in der geschichtlichen Reihenfolge der älteste Spitzname. Für die Herkunft gibt es gleich vier Erklärungen:

  • Die für mich glaubwürdigste Geschichte, soweit so etwas überhaupt möglich ist, geht auf das 11. Jh. zurück. Genauer gesagt auf das Jahr 1086, als der König von León, Galizien und Kastilien Alfons VI sich anschickte, Mayrit (so hieß Madrid unter den Arabern) zu erobern. Während der König sich beriet, wie das am besten zu bewerkstelligen sei, kletterte ein junger Soldat nur mit einem Dolch bewaffnet in der Nähe des Tors Puerta de la Vega die Stadtmauer hoch. Oben angekommen, zog er die Fahne der Araber ein und hisste die Alfonsos VI. Er spannte ein Seil, damit die anderen Soldaten hochsteigen konnten. Auf diese Weise überrumpelten sie die Araber und eroberten die Stadt.

    Da der junge Soldat so behänd und in kürzester die Mauer erklomm, gab man ihm den Spitznamen „Gato“ (also Kater). Mit der Zeit soll er diesen Namen als Nachnamen angenommen und ein Wappen mit einer Mauer und einem Dolch getragen haben.

    Sein Sohn und sein Enkel waren ebenfalls bedeutende Soldaten. Daher gelten als Katzen nur Nachkommen von zwei weiteren Generationen Madrids: Die vier Großeltern und die beiden Eltern müssen in Madrid geboren sein.

    Noch heute gibt es eine Straße im Dichterviertel (Barrio de las Letras) Madrids, die nach Juan Álvarez Gato, einem Dichter der Königin Isabel la Católica aus dem 16. Jh. benannt wurde, von dem man annimmt, dass er von dieser berühmten Familie abstammte.
Straßenschild Álvarez Gato
Straßenschild Álvarez Gato
  • Die zweite Erklärung besagt, dass man ab der Zeit der Christen eine Maut zu zahlen hatte, wenn man in die Stadt reiste. Wer nicht zahlen wollte, war dazu gezwungen zu versuchen, wie eine Katze geschwind und ungesehen über die Stadtmauer zu klettern. Diese Version hört sich plausibel an und widerspricht nicht der ersten Hypothese.
  • Die dritte Erklärung für diesen Spitznamen bezieht sich auf die Lebensfreude der Madrider. Sie sollen wie die Katzen gerne das Nachtleben genossen haben. Na ja, du kannst dir deinen Teil dazu denken …
  • Es gibt aber noch eine 4. Hypothese. Man erzählt sich, dass auf den Dächern des Stadtteils „Barrio de los Austrias“, der im Umkreis des Palastes liegt, viele Katzen lebten. Daher sei das Sprichwort aufgekommen, dass keine Ratten in die Stadt eindrangen, weil es dort so viele Katzen gab.

Manolos – die konvertierten Juden in Lavapiés

Von der geschichtlichen Reihenfolge her ist der Spitzname der Manolos der zweitälteste. Dieser Name entstand im 16. Jh., nach dem die katholischen Könige 1496 die Vertreibung der Juden verordneten. Viele von ihnen blieben jedoch in der Stadt und bekehrten sich zum Christentum. Diese Bekehrten wohnten hauptsächlich in der Gegend des Stadtteils, den wir heute als Lavapiés kennen. Die Legende besagt, dass die Synagoge an der Stelle stand, wo jetzt die Kirche von San Lorenzo steht. Das ist nahe an der Metro-Haltestelle Lavapiés. Dies konnte aber bis heute nicht bewiesen werden.

Wie dem auch sei, um zu beweisen, dass sie nun echte Christen waren, gaben die Leute ihren Erstgeborenen häufig den Namen Manuel. Im Volksmund sagt man Manolo. Angesichts der Fülle der Manolos in diesem Viertel nannten die Madrider ihn den Stadtteil der Manolos.

Die Chisperos – als die Madrider Funken sprühten

Der Spitzname „Chispero“ (Funken) entstand etwa ein Jahrhundert später. So riefen die Madrider die Schmiede von Dreifüßen und anderen kleinen Utensilien für den Haushalt, bei deren Herstellung die Funken flogen. Diese Schmiedegeschäfte befanden sich im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jh. in ärmlichen Häusern in der Hauptsache im Gebiet, das durch die Straßen Hortaleza und Barquillo begrenzt war. Heute gehören sie zum Stadtteil Justicia, im Volksmund Chueca genannt und wegen der LGBT-Bewegung weltbekannt.

Die Tracht der Chisperos waren eine enge Jacke, die man „Chupa“ nannte. Dieses Wort benutzt man heute für Windjacken. Auf dem Kopf trugen sie ein Haarnetz. Der Literatur nach konnten die Chisperos recht ungemütlich werden. Man sagt ihnen nach, dass sie gerne Streit suchten und der Stierkampf bei ihnen großgeschrieben wurde.

Sie galten als Bauernfänger und gutaussehende Männer, die schon mal Spelunken und Freudenhäuser besuchten. Man erzählt sich, dass sie zungenfertig und forsch waren und tapfer gekämpft haben, wenn sich dazu die Gelegenheit bot. Während der französischen Invasion taten sie sich insbesondere bei der Verteidigung der Puerta de Recoletos und dem Portillo de Santa Bárbara in der Nähe ihres Stadtteils hervor.

Die Frauen standen ihnen in nichts nach und teilten ihren Mut. Beim Volksaufstand vom 2. Mai 1808 gegen die französischen Invasoren ist zu lesen, dass einige Funken-Damen vom Balkon ihres Hauses einen Blumentopf mit Nelken auf einen Leutnant der Kürassiere warfen, was er nicht überlebte.

Chulapos und Chulapas, eine soziale Bewegung

Im Osten des Stadtteils Justica grenzt der Stadtteil Universidad an. Er heißt so, weil sich in der Straße San Bernardo das Gebäude Caserón de San Bernardo befindet. Das war der ehemalige Sitz der Universität von Madrid. Beide Viertel werden von der Calle de Fuencarral getrennt. Sie liegen voll in der Innenstadt. Der Stadtteil Universidad war ursprünglich als Barrio de las Maravillas bekannt.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts wird mit diesem Gebiet der Name Malasaña verbunden. Es gibt aber keinen Konsens darüber, welchen Bereich er genau abdeckt, da ein Stadtteil namens Malasaña offiziell nicht existiert.

Der Spitzname des Viertels beruht darauf, dass dort 1879 eine Straße nach der Familie Malasaña benannt und seit 1961 der jungen Näherin Manuela Malasaña gewidmet wurde. Manuela Malasaña wurde 1808 in den Tagen der Repressalien nach dem Aufstand vom 2. Mai von napoleonischen Truppen getötet. Man beschuldigte sie, „Waffen getragen zu haben“, weil sie bei ihrer Festnahme eine Nähschere bei sich hatte.

Hier wird ersichtlich, wie die Geschichte dieses Stadtteils geschickt für die Identitätsbildung der Madrider genutzt wurde.Denn genau hier lebten seit dem 18. Jh. die Chulapos und Chulapas.

Die Chulapas oder auch Chulaponas waren typischerweise Büglerinnen, die in den Kellern arbeiteten, Schneiderinnen, Obsthändlerinnen, Floristinnen, Zigarrenverkäuferinnen, Wäscherinnen, die immer als fröhliche und glückliche Wesen dargestellt werden.

Das Wörterbuch der Real Academia Española (Königliche spanische Akademie – die höchste Institution für spanische Sprache und Kultur) definiert sie „als Personen der populären Klassen Madrids, die eine gewisse Affinität für schöne Kleidung und im Benehmen zeigen.“ Dabei legen sie einen Hauch von Gaunerei an den Tag.

Chulapos und Chulapas tanzen einen Chotis an San Isidro
Chulapos und Chulapas tanzen einen Chotis an San Isidro

Anfang des 19. Jh. entwickelte sich diese Strömung zu einer Art sozialer Bewegung. Die Menschen hier wollten sich klar von der von ihnen verachteten französischen gesellschaftlichen Elite mit aufklärerischer Gesinnung abheben. Die traditionellsten Klassen Madrids zeigten Stolz und Selbstbewusstsein und gaben dies durch unterschiedliche Kleidung und mit einem charakteristischen Benehmen zum Ausdruck. Dieses soziale Phänomen aus der Zeit der parlamentarischen Monarchie und eines liberalen Staates setzte sich bis Ende des 19. Jh. und Anfang des 20. Jh. fort. In dieser Epoche erlebte es seine größte Blütezeit und breitete sich auf andere Stadtviertel aus. Die Leute entwickelten je nach Stadtteil eine eigene Mode. Hierauf basiert die Identität des heutigen Madrids.

Die hervorstechende Kleidung der Chulapos wurde in den Zarzuelas (eine Art spanischer Operette) der großen Komponisten wie Bretón, Chueca, Chapí, Moreno Torroba und in den Gemälden Goyas verewigt. Die diesbezüglich berühmteste Zarzuela ist die Verbena de la Paloma.

Die Chulapas trugen eine in der Taille enge weiße Bluse mit Laternenärmeln, einen Rock mit Punkten oder ein Kleid bis zu den Füßen mit Punkten, ein Kopftuch um den Hals geknotet und einen Manila-Schal. Im Kopftuch steckten je nach Familienstand zwei bis drei Nelken:

  • Zwei rote und eine weiße Nelke bedeuteten, dass die Frau eine Witwe war.
  • Wenn sie zwei rote Nelken trug, war sie verheiratet.
  • Die ledigen Damen trugen zwei weiße Nelken.
  • Bei einer roten und einer weißen Nelke war sie verlobt.
  • Die Mädels steckten sich rosa Nelken unter das Tuch.

Die Chulapos trugen eine schmale Weste oder eine kurze Jacke mit einer Nelke am Revers, eine dunkle und enge Hose, eine schwarze oder kleinkarierte Kappe, Stiefeletten und einen weißen Schal um den Hals.

Über die charakteristische Kleidung hinaus legt der stereotype Chulapon eine etwas überzogene angeberischen Pose an den Tag und verwendet einen Jargon, aus dem populäre Ausdrücke Madrids hervorgegangen sind, die den Lauf der Geschichte überlebt haben.

Die Madrider Isidros

Der Spitzname wurde eher abschätzig verwendet. Damit bezeichnete man die Leute, meist Bauern, die vom Land speziell zum Fest des San Isidro, dem Bauern, in die Stadt kamen. Sie trugen typischerweise breite Hüte, Kordanzüge und Überröcke. Meistens waren sie mit Feld- und Schlachtprodukten für die in Madrid lebenden Verwandten beladen, oder um sie gegen die Unterbringung in den Gasthäusern der Cavas auszutauschen.

Und was sind Majos und Majas?

Dieser Spitzname wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts für das einfache Volk der Stadt Madrid verwendet, wenn sie sich für die Feste fein herausputzten. Zur typischen Kleidung gehörte das Haarnetz, Strumpfhosen, Capote mit Ärmeln und spitzem Hut. Goya hat sie treffend in seinen Gemälden wiedergegeben. Deshalb bezeichnet man die Bekleidung auch als Goyesco. Der Name „Majo“ steht nach den mir zur Verfügung stehenden Quellen im Zusammenhang mit dem heidnischen Fest von Santiago el Verde, das am 1. Mai stattfand, an dem man die Ankunft des Frühlings feierte. Majo wäre danach eine Ableitung des Wortes Mayo (Mai).

Wenn du heute in ein typisches Geschäft kommst, kann es ein, dass dich die Verkäuferin mit Majo oder Maja anredet. Heute bedeutet dieses Wort aber nicht mehr fesch oder kess, sondern wird eher im Sinne von nett oder Lieber verwendet, wie das zu meiner Kinderzeit noch im Dorf üblich war.

Was haben Madrider mit Walen (ballenato) zu tu tun?

Dieser spöttisch gemeinte Spitzname war mir bis vor kurzem selbst nicht bekannt. Er wird aber in der benannten Real Academia Española erwähnt. Damit bezeichneten Einwohner anderer Regionen die Einwohner Madrids.

Die Legende über den Ursprung besagt, dass ein Händler Waren auf dem Manzanares beförderte. Mehrere seiner Weinfässer fielen in den Fluss, und der Händler begann verzweifelt zu schreien, deutete auf die Fässer und schrie: „Una va llena!“ ( „Eins ist voll!“), was sich auf Spanisch genauso anhört wie una ballena (ein Wal).

Das Geschehene ging von Mund zu Mund und als es bis zur Stadt vordrang, glaubten die Bewohner, dass ein Wal vom Meer den Fluss hochschwamm.

Die Leichtgläubigkeit der Einwohner war für andere Regionen so lustig, dass sie anfingen, die Madrider als „Ballenatos“ (Wale) zu verspotten.

Zusammenfassung

In der Gegenwart werden die Spitznamen Gato/Gata, Chulapo/Chulapa und Manolo als Verweis auf das traditionelle Madrid verwendet. Den Leuten ist im Allgemeinen der zeitliche Ursprung der Beinamen Chulapo und Manolo, ihre Herkunft aus unterschiedlichen Stadtteilen und ihre Ausdrucksformen in Kleidung, Benehmen und sozialer Situation nicht mehr bewusst.

Die Spitznamen Chispas oder Chisperos und Isidros tauchen nur noch in einschlägigen Artikeln auf. Majos und Majas werden eher im Zusammenhang mit den Bildern Goyas erwähnt (denke an Die nackte Maja, das erste spanische Aktbild, auf dem Schamhaare zu sehen waren).

Bei Festen kleidet sich keiner als Katze oder Manolo, sondern als Chulapo und Chulapa. Wenn man die riesige Binnenmigration in Spanien bedenkt, erfüllen wahrscheinlich nur die wenigsten davon das Kriterium, dass drei aufeinanderfolgende Generationen in Madrid geboren sein müssen, um echte Madrider zu sein. Es handelt sich sicher in der Mehrheit um Isidros. :-)

Die wichtigsten Feste, an denen du Chulapos und Chulapas sehen kannst

Heutzutage tragen Madrider dieses folkloristische Kostüm bei Festen und Kirmessen wie:

  • San Isidro am 15. Mai,
  • San Antonio de la Florida am 13. Juni
  • San Cayetano am 7. August.
  • San Lorenzo am 10. August
  • La Paloma am 15. August
  • Dem Tag der Almudena am 9. November.

Kritisches Nachwort

Was bei alldem unterschlagen und nur von mutigen Historikern erwähnt wird, ist, dass diese Konstruktion der Madrider Identität und der Stolz auf den Aufstand gegen die Franzosen vom 2. Mai 1808, der heute noch groß gefeiert wird, von der klerikal-restaurativen Kirche genutzt und geschürt wurde. Auf diese Weise verhinderte sie einen laizistischen Staat und die Entwicklung der Aufklärung. Ihr war es ein Dorn im Auge, dass rationales Denken und Vernunft als universelle Urteilsinstanz die Gesellschaft von althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen und Ideologien befreien könnte.

Plaza Dos de Mayo
Plaza Dos de Mayo zur Erinnerung des Aufstandes gegen die Franzosen am 2. Mai 1808

In Wirklichkeit bedeutete dies einen schweren Rückschritt in der sozioökonomischen und politischen Entwicklung Spaniens und seiner Wissenschaft in die Zeiten der Inquisition. Die Denkweise, die heute noch von Strömungen der offiziellen Kirche vertreten wird, wurde von Umberto Eco sehr treffend in der Figur des Mönchs Jorge de Burgos in Der Name der Rose verkörpert.

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