Wer hätte das gedacht, dass der so typische Madrider Volkstanz Chotis zur Musik einer Drehorgel überhaupt nicht aus Madrid, ja nicht einmal aus Spanien stammt. Er zeigt vielmehr, dass Deutsche und Österreicher mit Madridern mehr gemeinsam haben, als wir uns bewusst sind. Wie sich das mit dem Chotis verhält, erkläre ich dir in diesem Beitrag.

Die Polka unter den Top-10 der Hitparade Europas des 19. Jh.

Der Chotis, den oft folkloristische Tanzgruppen auf Madrider Volksfesten wie San Isidro oder La Paloma vorführen, kam Mitte 19. Jh. unter dem Namen „Polca Alemana“, also „deutsche Polka“ nach Madrid. Der Name Polka kommt aus dem Tschechischen und bedeutet Polin. Der Tanz selbst hieß zwar ursprünglich půlka („Hälfte“), wegen seines Schrittwechsels, dem Halbschritt. Aber 1835 änderte man in Prag, der Hauptstadt des damals unter Böhmen bekannten Landes, den Namen auf Polka. Man nimmt an, aus Sympathie für die damals schwer unterdrückten Polen. (Wikipedia)

Von dort aus verbreitete sich die Polka schnell über Wien und Paris in ganz Europa und wurde zum mitteleuropäischen Gesellschaftstanz. Ich vermute, dass sie für die Leute damals eine willkommene Neuauflage schon vorher bekannter Volkstänze war. In Tschechien hatte die Polka nämlich in der Nimra ihren Vorreiter. Im deutschen Volkstanz war es der Hopser, der bis ins 18. Jh. zurückreicht. So verwendete z. B. Johann Sebastian Bach 1742 einen Hopser in seiner Bauernkantate. Diese Tanzform ist im Rheinfränkischen 1811 als Hipper überliefert. Auch der Schottisch-Rundtanz verwendet diesen Schritt. Der Name „Schottisch“ leitet sich vermutlich von der Ecossaise (Schottischer Walzer) her. Er war schon um 1810 bekannt.

Polka-Hopser

Die Ausbreitung des Paartanzes Schottisch in weiten Teilen der Welt

Der mit Schottisch bezeichnete Paartanz verbreitete sich in vielen Ländern der Welt, vor allem in Europa, aber auch in vielen Ländern Lateinamerikas. Dies geschah über die von den Oberschichten frequentierten Ballsäle. Rustikalere Stile wurde bei häuslichen Festen und öffentlichen Volksfesten und durch die Auswanderung Deutscher nach Südamerika populär und gingen in die Tanztraditionen vieler Länder ein. Die polkaartige Paartanz-Varianten des Schottisch werden nun unter eigenen Namen als Volkstanz angesehen. In Deutschland und Österreich, ebenso in der Schweiz oder Schweden, sind sie als Rheinländer oder Bayrisch-Polka bekannt.

Klosterser Schottisch, Graubünden/Schweiz

Im Volkstanz sind Polka oder Schottisch nicht nur in europäischen Ländern wie Österreich (Krebspolka), Deutschland, Schweiz, Niederlande, Dänemark (Tyrolerhopsa), Schweden, Norwegen, Frankreich, Portugal, Italien und natürlich Tschechien, Slowakei, Polen überliefert. Auch in lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien, Paraguay, Uruguay, Mexiko und Brasilien gehören sie zum kulturellen Erbe. Gerade die mexikanische Variante erinnert mich an süddeutsche Volkstänze, wenn man die Fächer der Damen und die Hüte der Herren weglässt. Kurios finde ich, dass der Tanz selbst in England mit der deutschen Variante des Wortes, nämlich „schottische“ bezeichnet wird.

Chotis „El cerro La Silla“ aus Nuevo Leon, Mexiko

Das Aufkommen des Chotis, die Madrider Variante des Schottisch

Vom Madrider Chotis weiß man, dass er am 3. November 1850 zum ersten Mal am Hof Isabels II unter dem Namen „Polca Alemana“ getanzt wurde. Offensichtlich waren die Teilnehmer dermaßen begeistert von seinem Rhythmus und seinen Bewegungen, dass sie sie immer weitertrugen und unter den Madridern bekanntmachten. Mit zunehmender Beliebtheit haben dann die Madrilenen im Laufe der Zeit den Tanz an die Bräuche der Stadt angepasst und Orgelmusik hinzugefügt. Er wurde populär und zum traditionellen Tanz schlechthin der Madrider. Der Chotis wird paarweise zum Klang einer Drehorgel getanzt.

La Verbena de la Paloma, por Audouard
La Verbena de la Paloma, von Audouard

Es wird berichtet, dass die typische Drehorgel (oder Leierkasten) vom Italiener Luis Apruzzese in Madrid eingeführt wurde, der sich auf Anraten des Musikers Tomás Bretón in Madrid niederließ. Hier richtete er 1890 in der Straße Costanilla de San Andrés, später dann in der Carrera de San Francisco, eine Werkstatt für die Herstellung und Reparatur von Drehorgeln ein. Auf den ersten Zylindern der Drehorgeln, die die Melodie reproduzieren, waren einfache österreichische Rhythmen eingraviert, die Schottisch genannt wurden. Daraus wurde dann im spanischen „Chotis“. Danach kamen Melodien hinzu, die wir heute mit dem traditionellen Madrid auf den Volksfesten wie die Verbena de la Paloma und San Isidro identifizieren.

Die Chulapos machen sich den Modetanz Chotis zu eigen

Wenn wir verstehen wollen, wie sich der in anderen Ländern eher schnelle Tanz im Zweivierteltakt mit 3-4 Reprisen zu 8, 12 oder 16 Takten, oft mit „Hopsern“ (siehe z. B. die Abarten Polka hongroise, die Mazurka (Polka masurka), Polka à la Polacca, oder auch die Schnellpolka von Johann Strauss), zu einem eher steifen Tanz entwickeln konnte, wo die Frau den Mann dreht, müssen wir uns ein wenig mit den sozialen Gegebenheiten des Madrids Ende des 19., Anfang 20. Jh. befassen.

Wie ich schon in meinem Beitrag über die Madrider Spitznamen schrieb, hatte sich Anfang des 19. Jh. eine Art soziale Bewegung entwickelt, deren Anhänger sich klar von der von ihnen verachteten französischen gesellschaftlichen Elite mit aufklärerischer Gesinnung abheben wollten.

Gerade in den unteren Schichten Madrids brachte man seinen Stolz und Selbstbewusstsein durch unterschiedliche Kleidung und mit einem charakteristischen Benehmen zum Ausdruck. Die Leute entwickelten je nach Stadtteil eine eigene Mode, die wir heute in der Tracht der Chulapos y Chulapas wiedererkennen. Dieses soziale Phänomen setzte sich verstärkt durch den starken Anstieg der Bevölkerung bis Ende des 19. Jh. und Anfang des 20. Jh. fort. Man suchte nach einer Identität der Stadt. Obendrein war das Leben in Madrid rau und mit viel Gewalt und Armut verbunden. Um sich hier durchzusetzen, legte man ein wenig Arroganz an den Tag nach der Philosophie „Augen zu und mitten durch“.

Der archetypische Charakter des „Chulos“ (kann sowohl als Angeber als auch Zuhälter übersetzt werden) war immer fein herausgeputzt. Er setzte sich über alles in seinem Stadtteil und auf dem Volksfest hinweg, und hatte es deshalb auch nicht nötig, sich beim Tanzen zu bewegen.

Chulapos und Chulapas des Vereins Asociación Madrid Eterna
Chulapos und Chulapas des Vereins Asociación Madrid Eterna

Die Verbreitung des Chotis ohne die Zarzuelas ist undenkbar

Die Zarzuela ist eine typisch spanische Gattung des Musiktheaters. Sie ähnelt der französischen Opéra comique oder der Operette. Auch hier wird abwechselnd gesprochen und gesungen. Die Musik der Zarzuela besteht überwiegend aus originalen Kompositionen, die durch zur Handlung passende Volkslieder oder populäre Schlager ergänzt werden.

Der Name Zarzuela stammt vom Palast Palacio de la Zarzuela in Madrid (ein Palast, der im 17. Jahrhundert im Auftrag von König Felipe IV. als Jagdschloss erbaut wurde). Es war der erste Ort, an dem zum ersten Mal eine Zarzuela aufgeführt wurde, und zwar die Ekloge „La Selva sin Amor“ (Der Dschungel ohne Liebe) von Lope de Vega. Calderón de la Barca war der erste Dramaturg, der den Begriff Zarzuela übernahm.

Die Zarzuelas waren der Schlüssel zur Popularisierung des Chotis. Es war eine urbane Musik und zu dieser Zeit sehr beliebt, denn die Zarzuelas griffen viele Themen aus dem täglichen Leben auf. Darin durfte dann ein Chotis nicht fehlen. Viele Zarzuelas erzählen uns von der Geschichte und Eigenart der Hauptstadt. So zum Beispiel:

Der Chotis ist bis in die erste Hälfte des 20. Jh. ein Spiegelbild des Lebens in Madrid

Die Texte der Chotis sprachen von den Dingen, die den Menschen damals in Madrid zustießen. Einige sprechen von Liebe, andere erzählen kleine Geschichten und von sehr traditionellen Stadtteilen wie Lavapiés oder Chamberí. Der Chotis des 19. und des frühen 20. Jh. war ein sehr lebendiges Spiegelbild der Gewohnheiten, Bräuche, Persönlichkeiten und des Klatsches der Zeit.

Manche Texte beziehen sich auf einen Modus Vivendi, der uns aus heutiger Sicht als an Zuhälterei und geschlechtsspezifische Gewalt angrenzend anmuten. Ich beziehe mich hier insbesondere auf den Chotis „El Pichi“, ein Lied aus dem spanischen Musikcabaret „Las Leandras“ (1931) und hervorragend von Sara Montiel interpretiert wird. Diese Umstände waren jedoch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts kein Gegenstand sozialer Schande. Es gab sogar Raum für sympathische Parodie, wie eben bei diesem Chotis. Er ist daher ein Symbol des Machismus, der während der Republik noch gesellschaftsfähig war. Der Erfolg des Liedes war so groß, dass zu dieser Zeit sogar eine Puppe von El Pichi für Kinder hergestellt wurde.

Sara Montiel als Pichi

Nach dem Bürgerkrieg verlor der Chotis, wie alle Folklore in Spanien, diese Verbundenheit mit dem Madrider Leben und seine Frische, da die Diktatur ihn in die Zwangsjacke des Patriotismus steckte und spezifische Klischees überstülpte.

Wie man den Chotis tanzt

Nach der Literatur sollen in Europa allgemein die Tanzbewegungen des Schottisch so aussehen:

„Takt 1: 1 Wechselschritt mit dem linken Fuß beginnend nach links (für den Herren, die Dame gegengleich)
Takt 2: 1 Wechselschritt mit dem rechten Fuß beginnend nach rechts (für den Herren)
Takt 3–4: in Paarfassung mit 4 Schritten im Uhrzeigersinn drehen (der Herr links beginnend)“.

Sie z. B. Wikipedia.

Die ländlichen Tanzbewegungen sollen derber ausfallen als die städtischen.

Dagegen ist der Chotis ein wirklich sehr einfacher Tanz, den jeder tanzen kann. Das eigentümlichste und merkwürdigste Merkmal ist, dass er auf der Fläche einer (imaginären) Fliese oder einem Zeitungsblatt, also auf ganz engem Raum, getanzt wird.

Der Herr muss auf diesem imaginären quadratischen Raum stehen bleiben und sich auf seine Fußspitzen stützen. Die Dame bewegt sich um ihn herum und hält den Partner so fest, dass er sich dreht. Sie geht dabei im Rhythmus der Orgelmusik überkreuz oder in Form einer Acht drei Schritte vorwärts und drei Schritte rückwärts. Dann beginnt die Wende erneut.

Der Herr dreht sich nur durch die Frau und bleibt stocksteif, den Blick nur nach vorn gerichtet. Er darf dabei den imaginären kleinen Raum nicht verlassen.

Madrid

Ein Paar tanzt zum Chotis „Madrid“

Die coolsten Tänzer wagen es, einen Fuß zu heben, drehen sich nur um einen Punkt und lassen eine Hand in der Westentasche stecken. Ziel ist es, eine arrogante Haltung zu zeigen, die für den traditionellen Stolz so charakteristisch ist. Das nennen die Madrider „castizo“.

Beim Chotis trägt man traditionelle Kleidung

Wie ich schon erwähnte, gehört die Kleidung der Chulapos oder Chotis-Tänzer zu ihrer Identität. Die Damen tragen ein langes Kleid, das unter den Knien etwas eingezogen ist, ein Kopftuch, einen Manila-Schal und eine rote Nelke auf der Stirn.

Die Männer tragen schwarze Hosen, weißes Hemd, graue Weste und eine „Parpusa“. Das ist eine Art Kappe, die ein kleines Visier an der Vorderseite hat. Sie besteht aus einem Stoff mit kleinen schwarzen und weißen Quadraten. Im Revers oder der Sakkotasche tragen sie die klassische rote Nelke.

Hast du nun Lust bekommen, es auch mal zu probieren? Dann komm am 15. Mai auf das Volksfest San Isidro nach Madrid! :-)

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Dieser Beitrag ist auch in Englisch verfügbar

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